Cymbella - Slogan

Ein Beitrag zur Autökologie und zum Vorkommen der Süßwasserqualle
Craspedacusta sowerbyi LANCESTER
1880 in Deutschland
Veröffentlicht in der Vereinszeitschrift SPORTTAUCHER, April 2003
 
Es müssen eine Reihe von Bedingungen eintreten, damit sich Süßwasserquallenin unseren Gewässern entwickeln können. In Auswertung und im Vergleich der gemeldeten Beobachtungen war das Jahr 2002 scheinbar ein ausgesprochenes Süßwasserquallenjahr. Meist am Ende des Sommers konnten in vielen zum Baden und Tauchen genutzten Seen Vorkommen der Süßwasserqualle Craspedacusta sowerbii beobachtet werden. Aber auch eine zunehmende Anzahl von Teichbesitzern meldeten mir ihre Vorkommen.
 
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·  Junge female Meduse (Craspedacusta sowerbii) von unten gesehen, mit deutlich sichtbarem Velum und den typischen vier Eipackungen 
(Halberstädter See 1998)
 
 
 
 
 
 
 
Insgesamt gesehen, sind Süßwasserquallen in unseren Seen selten. Die Ursachen dafür sind vorwiegend ihre Bindung an höhere Temperaturen und im Idealfall an windbedingte sauerstofffördernde Strömungen im Gewässer. Durchmischte, planktonreiche, flache Kiesseen sind z.B. ideale Biotope für diese, zu den Hohltieren (Coelenterata) gehörenden, max. 20-25 mm große Quallen. Craspedacusta sowerbyi ist die einzige in Mitteleuropavorkommende Süßwasserqualle. Die Medusenstadien bilden sich aus einem Polypenstadium. Polyp (beschrieben als eigenständige Art Microhydra ryderi) und die dazugehörige Qualle wurden, vermutlich in Unkenntnis der taxonomischen Zusammenhänge, separat beschrieben und besitzen somit als Besonderheit häufig in der Literatur eigene Namen. Die Bezeichnung von Polyp und Qualle als Craspedacusta sowerbii wäre aber zutreffend.
Der etwa ca. 2 mm große, tentakellose und gefräßige Polyp ist in der Lage, sich ungeschlechtlich durch Knospung, Querteilung oder Abschnürung stäbchenförmiger Teile (Frusteln) zu vermehren. Dieser Polyp sitzt, durch seine klebrige Oberfläche mit Substrat getarnt, in Aufwuchssubstraten und Sedimentauflagen. Er ernährt sich dort insbesondere von Nematoden, Oligochaeten, Kleinkrebsen und Rotatorien. Seine Fangarmstummel sind mit Nesselzellen versehen, mit denen er aktiv seine Beute fängt. Dieser Polyp vermehrt sich in den kühlen Gewässern der gemäßigten Zone nur ungeschlechtlich durch Knospung, durch Querteilung oder durch sogenannte Frusteln, das sind sich loslösende, bewegliche Anhäufungen von Polypenzellen, aus denen neue Polypen hervorgehen.
Im wärmeren Wasser (mindestens 19-20 Grad Celsius, am günstigsten bei 25-27Grad Celsius) sprossen an den Polypen seitlich Medusen hervor. Die los gelöste Meduse hat anfangs nur 8 Fangarme und noch keine Gleichgewichtsorgane, die fertige Meduse besitzt 200-400 Fangarme und zahlreiche Gleichgewichtsorgane (Statozysten). Die Medusen vermehren sich geschlechtlich, d. h. es werden Eier und Spermien abgegeben, die sich über eine Art Frustelstadium wieder zu Polypen entwickeln.
Die auffallend geringe Größe der Polypen, die dauernd sessile Lebensweise und der Mangel an Tentakeln kennzeichnen den Organismus als einen Bewohnerfließender Gewässer. Die Medusen von Craspedacusta benötigen allerdings ruhige Flussabschnitte mit besonders reicher Planktonproduktion. Insbesondere sind sie in stillen Buchten und Seitenarm von größeren Flüssen oder aber in Standgewässern anzutreffen.
Die Quallen ruhen meistens am Boden. Steigen aber z. B. bei sonnigem Wettermit nachschleppenden Tentakeln an die Wasseroberfläche und gleiten zur Nahrungsaufnahme langsam, mit ausgebreiteter Mundöffnung, herabhängendem Velum und emporgerichteten Tentakeln zu Boden. Dabei werden Kleinkrebse, Rotatorien, Protozoen usw. aus dem Wasser gefiltert und aufgenommen.
Eine Verbreitung der klebrigen Polypen über Wassergeflügel aus den Fließgewässern in die Standgewässer ist sehr wahrscheinlich und z. B. auch für die Verbreitung von Fischen (Laich) bekannt. Für interessante Beobachtungen empfiehlt sich die Mitnahme der Quallen (die bisher keinem Schutzstatusunterliegen) und die Hälterung im Aquarium. Ich konnte bei einer leichten Belüftung des Aquariums Süßwasserquallen über 6 Wochen ohne größeren Aufwandpflegen.
 
 
Aus dem Jahr 2002 sind mir folgende Fundgewässer bekannt:
Baden-Württemberg
  • Bruchsal, Heidesee
  • Brühl, Berggeistweiher
  • Forchheim, Baggersee Epple
  • Hanau, Erlensee
  • Heidelberg, St. Leoner See
  • Karlsruhe, Linkenheim
  • Linkenheim-Hochstetten (Karlsruhe), Streitköpfle
  • Neuburg/Donau, Weicheringer See
  • Offenburg, Baggersee Lahr
  • Offenburg, Matschelsee
Bayern
  • Amper Werke in Irsching/Voburg, Einlaufweiher (16.08.02)
  • Haag/Amper, Haagener Baggersee (28.08.02)
  • Möhrendorf bei Erlangen, Oberndorfer Weiher (27.07.02)
  • Niederpöring/Deggendorf, Fischteich (15.06.02)
  • Regensburg, Sarchinger Weiher
  • Rödermark/Messel/Dieburg, Aje (01.08.02)
  • Schweinfurt, Gloecklesee
Berlin
  • Berlin, Spandauer Zitadelle, Niederneuendorfer See (02.08.01)
Hessen
  • Hainstadt, Krotzenburger Badesee
  • Offenbach, Hainstadtsee
Nordrhein-Westfalen
  • Ahlen, Gartenteich
  • Duisburg Hambonn, Alte Schachtanlage
  • Hueckelhoven, Adolfosee
  • Langenfeld/Düsseldorf, Langenfelder See
  • Lippstadt, Zachariassee
  • Moers, Schleiensee
  • Unkelbach/Remagen, Dungkopfsee
Sachsen
  • Vogelberg See
Sachsen-Anhalt
  • Genthin, Belicker See (25.08.02)
  • Bitterfeld, Strandbad Sandersdorf
  • Löbejün bei Halle (Saale), Steinbruch I, II und III (24.08.02)
  • Sandersdorf, Strandbad
  • Süplingen, Canyon (26.08.02)
Thüringen
  • Kaatschen, Kiesgrube (25.07.02)
 
Ich danke allen Tauch- und Naturfreunden für die Fundmeldungen. Sicher sind es keineswegs alle Vorkommen in Deutschland. Wenn dem Leser ein weiteres Vorkommen dieser Süßwasserquallen bekannt ist oder er z. B. beim Baden oder Tauchen im Sommer zufällig darauf gestoßen ist, wäre ich über eine Benachrichtigung dankbar. Diese Meldungen sollten wenigsten beinhalten: Funddatum, Gewässer, Nächster größerer Ort, Landkreis, Bundesland, Name und Adresse des Beobachters (Größe, Tiefe, Nutzung, Entstehung des Sees - soweit ermittelbar).
 
Lutz Tappenbeck
OT Förderstedt
Bahnhofstr. 2
39443 Staßfurt
 
 
 
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